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KI ohne Governance ist kein Fortschritt

Dec 27, 2025By Holger von Ellerts
Holger von Ellerts

Warum Unternehmen jetzt von Tool-Nutzung zu strategischer Steuerung wechseln müssen

Künstliche Intelligenz hat in vielen Unternehmen längst Einzug gehalten. Marketing nutzt Text- und Bildgeneratoren, HR experimentiert mit automatisierter Vorauswahl, der Einkauf lässt sich Preisprognosen erstellen, und das Management fragt Chatbots nach Entscheidungsvorlagen. Was dabei häufig fehlt, ist nicht technisches Know-how, sondern unternehmerische Kontrolle. Genau hier liegt das Problem: KI wird eingesetzt, bevor geklärt ist, wer sie verantwortet, wofür sie erlaubt ist und wo ihre Grenzen liegen.

Der entscheidende Entwicklungsschritt für Organisationen ist deshalb nicht der nächste Algorithmus, sondern Governance.


Von „Können“ zu „Dürfen“ zu „Müssen“


In den ersten Phasen der KI-Einführung dominieren Neugier und Effizienzversprechen. Mitarbeitende können KI nutzen, weil Tools verfügbar sind. Kurz darauf stellt sich die Frage, ob sie das auch dürfen – rechtlich, organisatorisch und ethisch. Spätestens wenn KI-gestützte Ergebnisse in Entscheidungen einfliessen, wird aus einer Option eine Pflicht: Unternehmen müssen steuern, kontrollieren und Verantwortung übernehmen.

KI ist kein Spielzeug und kein isoliertes IT-Thema. Sie ist ein Produktionsfaktor – vergleichbar mit Kapital, Daten oder Personal. Wer sie skaliert, ohne klare Regeln zu definieren, skaliert Risiken gleich mit.


Warum eine KI-Strategie mehr ist als eine Tool-Liste


Eine echte KI-Strategie beantwortet keine Produktfragen, sondern Steuerungsfragen. Sie definiert, welchen unternehmerischen Nutzen KI liefern soll, welche Risiken akzeptiert werden und wer wofür haftet. Strategisch sinnvoll eingesetzte KI verfolgt typischerweise vier Zielrichtungen: Effizienzsteigerung, Qualitätsverbesserung von Entscheidungen, Innovation neuer Produkte und Services sowie organisationale Resilienz durch Wissenssicherung.

Ohne diesen Rahmen bleibt KI eine Sammlung isolierter Experimente. Das ist nicht nur ineffizient, sondern gefährlich – insbesondere dort, wo Entscheidungen automatisiert vorbereitet oder getroffen werden.

Ein Reifegradmodell zeigt diesen Unterschied deutlich: Während frühe Stufen durch ad-hoc-Nutzung geprägt sind, erreichen Unternehmen erst dann Stabilität, wenn KI als integrierte Entscheidungsunterstützung verstanden und Governance als Managementaufgabe etabliert wird.


Organisation entscheidet über Erfolg oder Scheitern


Technologie skaliert schnell, Verantwortung nicht. Deshalb ist die organisatorische Verankerung von KI entscheidend. Reine Zentralisierung bremst Fachnähe, vollständige Dezentralisierung zerstört Steuerbarkeit. In der Praxis hat sich ein hybrides Modell bewährt: Ein zentrales Gremium setzt Regeln, priorisiert Use-Cases und überwacht Risiken, während Fachbereiche innerhalb dieses Rahmens handeln.

Klar definierte Rollen sind dabei unverzichtbar. Geschäftsleitung, Fachbereichs-Owner, IT, Security sowie Legal und Compliance müssen explizite Zuständigkeiten haben. Der wichtigste Grundsatz lautet: KI ohne Owner ist Haftung ohne Namen.


Governance heisst entscheiden, nicht dokumentieren


Governance wird oft mit Bürokratie verwechselt. Tatsächlich geht es um klare, vorab getroffene Entscheidungen. Welche Use-Cases sind erlaubt? Welche Datentypen dürfen verarbeitet werden? Dient KI nur zur Unterstützung oder darf sie autonom handeln? Und welche Dokumentations- und Kontrollpflichten gelten?

Diese Fragen sind nicht technisch, sondern normativ. Sie lassen sich nicht durch bessere Prompts lösen. Prompting ist operativ – Governance ist strategisch. Wer das vermischt, delegiert Verantwortung an Werkzeuge, die dafür nicht gemacht sind.


Risiken, Haftung und Kontrolle sind kein Nebenthema


Moderne KI-Systeme halluzinieren, reproduzieren Verzerrungen und treffen statistisch plausible, aber fachlich falsche Aussagen. Solange Menschen entscheiden, tragen sie die Verantwortung. Sobald Organisationen Entscheidungen automatisieren oder ungeprüft übernehmen, verlagert sich die Haftung auf die Unternehmensleitung.

Wirksame Kontrollmechanismen sind deshalb zwingend: Freigabeprozesse, Logging, Vier-Augen-Prinzipien und regelmässige Reviews. Governance wirkt nicht präventiv durch Verbote, sondern durch nachvollziehbare Entscheidungswege.


Sicherer KI-Einsatz braucht Regeln, nicht Vertrauen


Ein typisches Praxisbeispiel zeigt das Dilemma: Ein Mitarbeitender lädt interne Lieferantendaten in ein externes KI-Tool. Technisch ist das trivial – organisatorisch ein Governance-Versagen. Die relevante Frage lautet nicht, ob der Mitarbeitende geschult war, sondern wo die Regel war, die diesen Schritt klar untersagt oder kontrolliert hätte.

Tool-Whitelists, Datenklassifikation, verbindliche Prompt-Guidelines und Schulungspflichten sind keine Einschränkung von Innovation. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass KI überhaupt verantwortungsvoll eingesetzt werden kann.


Umsetzung ist ein Prozess, kein Projekt


Erfolgreiche KI-Governance entsteht nicht durch ein einmaliges Regelwerk. Sie entwickelt sich iterativ: Bestandsaufnahme, Priorisierung von Use-Cases, Definition von Governance, Pilotierung, Skalierung und regelmässige Überprüfung. Entscheidend ist das Commitment des Managements. Ohne klare Führung bleiben Regeln wirkungslos.


Fazit: Governance schafft Freiheit


Die zentrale Erkenntnis ist einfach und unbequem zugleich: KI ist eine Führungsaufgabe. Technik ohne Organisation scheitert, und Governance ist kein Innovationshemmnis, sondern deren Ermöglicher. Unternehmen, die diese Logik verstehen, schaffen Freiräume für produktiven KI-Einsatz – alle anderen produzieren Risiken mit Ansage.

Die entscheidende Transferfrage lautet deshalb nicht, welches Tool morgen eingeführt wird, sondern welcher Governance-Schritt heute fehlt.


Wer bis hierhin gelesen hat - und sich oder sein Unternehmen darin wiederfindet - und genau vor diesen Herausforderungen steht und menschliche Lösungswege sucht, darf mich gerne kontaktieren: [email protected].