10. August 2026
KI-Trends 2026 für die digitale Transformation: Warum hohe Nutzung nicht automatisch Wirkung bedeutet
89 Prozent der Unternehmen in der Schweiz nutzen KI bereits — aber die wenigsten haben sie skaliert. Drei Trends, die 2026 über echte Wirkung entscheiden.
89 Prozent nutzen KI, die wenigsten haben sie skaliert
EY Schweiz hat im Mai 2026 eine Studie veröffentlicht, die genau diese Lücke vermisst: 604 Personen aus Unternehmen unterschiedlicher Grösse in der Schweiz wurden befragt — von unter 10 bis über 10'000 Mitarbeitenden, wobei knapp ein Drittel der Stichprobe auf kleinere und mittlere Unternehmen mit bis zu 249 Mitarbeitenden entfällt. Der genaue Erhebungszeitraum ist im veröffentlichten Bericht nicht gesondert ausgewiesen; die Studie erschien am 27. Mai 2026. Ergebnis: 89 Prozent der Befragten nutzen KI bereits in ihrem beruflichen Alltag, 70 Prozent davon über integrierte Lösungen wie Microsoft Copilot oder Google Workspace mit Gemini. Trotzdem hält die Studie fest, dass die meisten Unternehmen noch am Anfang der systematischen Skalierung stehen. Genau dieser Unterschied — zwischen Werkzeug-Nutzung und Wirkung im Prozess — ist der Trend, der 2026 tatsächlich zählt. Alles andere ist Ausschmückung.
Trend 1: Werkzeug-Nutzung ist kein Prozess-Umbau
Dass 89 Prozent «KI nutzen», heisst in der Praxis meistens: Mitarbeitende fragen ChatGPT oder Copilot bei Bedarf um Rat, so wie man früher eine Suchmaschine bemüht hat. Das ist nützlich, aber es verändert keinen Geschäftsprozess. Bei RAG-Wissen, unserer internen Wissensdatenbank, haben wir diesen Unterschied selbst erlebt: Die erste Version war ein Chat-Fenster, das Mitarbeitende bei Bedarf öffneten — die Nutzung blieb gering, weil niemand einen zusätzlichen Schritt in den eigenen Ablauf einbauen wollte. Erst als die Suche direkt in bestehende Abläufe eingebettet wurde, stieg die tatsächliche Nutzung spürbar. Der Unterschied zwischen «wir nutzen KI» und «KI verändert, wie wir arbeiten» liegt fast immer an dieser einen Frage: Ist das System Teil des Ablaufs, oder ein zusätzlicher Tab?
Trend 2: Investitionsbereitschaft steigt schneller als Steuerungsfähigkeit
Ein zweiter Trend zeigt sich deutlich in Deutschland und dürfte für die Schweiz als Richtungsangabe gelten, auch wenn er kein Messwert für den Schweizer Markt ist: Laut Bitkom-Studie «Digitalisierung der Wirtschaft 2026» (telefonische Befragung von 604 Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden in Deutschland, Feldzeitraum KW 02/2025 bis KW 06/2026, veröffentlicht 11. März 2026) wollen 36 Prozent der Unternehmen 2026 mehr in Digitalisierung investieren als im Vorjahr — 2025 waren es 29 Prozent, 2024 erst 21 Prozent. Gleichzeitig gibt jedes zweite Unternehmen an, Probleme zu haben, die eigene Digitalisierung zu steuern; für 13 Prozent ist das nach eigener Einschätzung existenzbedrohend. Investitionsbudget und Steuerungsfähigkeit laufen damit auseinander. Wir sehen das in Beratungsmandaten regelmässig: Ein grosszügiges KI-Budget ohne eine Instanz, die entscheidet, was skaliert und was gestoppt wird, produziert am Jahresende mehr parallele Piloten, nicht mehr produktive Systeme.
Trend 3: Digitale Souveränität wird zum Auswahlkriterium
56 Prozent der von EY Schweiz befragten Unternehmen befürworten den Aufbau einer souveränen Schweizer KI-Infrastruktur — eigene Cloud- und Rechenkapazität statt ausschliesslicher Abhängigkeit von US-Hyperscalern. Das ist kein abstraktes Anliegen mehr: Mit Apertus 1.5 von ETH, EPFL und CSCS existiert seit dem 24. Juli 2026 ein offenes Schweizer Sprachmodell, das genau für diese Fälle gebaut ist — wir haben eingeordnet, für welche Anwendungsfälle sich Apertus eignet und was Betriebe selbst leisten müssen. Für die digitale Transformation heisst das: Wer 2026 eine KI-Architektur aufsetzt, sollte Datenherkunft und Anbieterabhängigkeit als Auswahlkriterium behandeln, nicht als nachgelagerte Compliance-Frage.
Was das für die eigene Transformation bedeutet
Aus diesen drei Trends folgen drei konkrete Prüffragen, bevor das nächste KI-Budget freigegeben wird:
- Ist das System in einen bestehenden Ablauf eingebettet, oder bleibt es ein zusätzliches Fenster, das Mitarbeitende freiwillig öffnen müssen?
- Gibt es eine Instanz — eine Person, ein Quartals-Review —, die entscheidet, welcher Pilot skaliert und welcher gestoppt wird?
- Ist die Frage nach Datenherkunft und Anbieterabhängigkeit Teil der Architektur-Entscheidung, oder wird sie erst gestellt, wenn Rechtsabteilung oder Datenschutzbeauftragter nachfragen? Wer alle drei Fragen bereits klar beantworten kann, hat den Unterschied zwischen Nutzung und Wirkung in der Praxis schon gelöst — die Mehrheit der Unternehmen, die EY und Bitkom befragt haben, offensichtlich noch nicht.
Häufig gestellte Fragen
Bedeutet der hohe Nutzungsgrad, dass KI in Schweizer Unternehmen bereits ausgereift eingesetzt wird? Nein — die EY-Studie unterscheidet ausdrücklich zwischen breiter Nutzung einzelner Werkzeuge und systematischer Skalierung im Unternehmen; 89 Prozent Nutzung sagt nichts darüber aus, wie viele Prozesse tatsächlich umgebaut wurden. Gilt die deutsche Bitkom-Zahl zur Investitionsbereitschaft auch für die Schweiz? Nicht direkt — sie stammt aus einer telefonischen Befragung deutscher Unternehmen und taugt für die Schweiz als Richtungsangabe, nicht als eigener Messwert; ein methodisch vergleichbarer Schweizer Wert liegt uns nicht vor. Muss ein Unternehmen für digitale Souveränität zwingend ein Schweizer Modell wie Apertus einsetzen? Nein — souveräne Infrastruktur ist eine von mehreren Stellschrauben; entscheidend ist, dass Datenherkunft und Anbieterabhängigkeit überhaupt als Kriterium in der Architektur-Entscheidung auftauchen, unabhängig vom gewählten Modell.
Die drei Trends — Werkzeug-Nutzung statt Prozess-Umbau, wachsende Budgets bei schwacher Steuerung, digitale Souveränität als Kriterium — sind keine Prognose, sondern eine Bestandsaufnahme von Mai bis August 2026. Bei digital opua GmbH sehen wir diese Lücke in praktisch jedem Beratungsmandat: Werkzeuge sind vorhanden, die Frage nach Einbettung, Steuerung und Anbieterabhängigkeit bleibt offen. Genau da setzen unsere Workshops und die anschliessende Beratung an — mit eigener Erfahrung aus produktivem KI-Betrieb bei Mingly, DocMind und RAG-Wissen statt einer generischen Trendliste.
Quellen: EY Schweiz, «Künstliche Intelligenz in Schweizer Unternehmen breit etabliert – doch viele stehen noch am Anfang der Skalierung», Befragung von 604 Personen aus Unternehmen unterschiedlicher Grösse und Branchen in der Schweiz, veröffentlicht 27. Mai 2026 (ey.com/de_ch/newsroom/2026/05/artificial-intelligence-widely-established-in-swiss-companies-but-many-are-still-in-the-early-stages-of-scaling) — Bitkom Research, «Digitalisierung der Wirtschaft 2026», telefonische Befragung von 604 Unternehmen in Deutschland ab 20 Mitarbeitenden, Feldzeitraum KW 02/2025 bis KW 06/2026, veröffentlicht 11. März 2026 (bitkom-research.de/studien/digitalisierung-der-wirtschaft-2026)